Kurz zwei (drei, vier) Podcasts: Nepal

Ich habe auch schon wieder länger die Podcastempfehlungen geschludert, dabei höre ich quasi permanent interessante Dinge. Aber weil es sich so schön stimmig ergibt, greife ich mal zwei raus, die sich geradezu perfekt ergänzen:

Vor einiger Zeit war Andrea Diener in Nepal und berichtete hierüber im Podcast wrint von Holger Klein. Ich fand ihre Eindrücke sehr interessant auch wenn man sich nicht direkt für eine Reise nach Asien begeistern kann sondern sich einfach mal für das Land interessiert. Für mich war insbesondere spannend darüber zu hören, wie die nepalesische Tradition und Kultur quasi zwischen Indien und Tibet steckt. Und natürlich auch, wie die politische Konfliktlage derzeit so ist. (Auch wenn ich bei Reise-Podcasts/-Artikeln/-Blogposts, die Entwicklungsländer betreffen immer ganz stark meine Zahnschmerzen im Zaum halten und mir sagen muss, dass es ok ist, eine primär touristische Perspektive einzunehmen, wenn es denn nachhaltiger Tourismus ist.)

Andrea Diener schildert eine Tour, die naturgemäß vor allem touristisch erschlossene Gegenden umfasst – wurde sie doch von einem Reiseanbieter organisiert. Im krassen Gegensatz dazu steht das Feature von Neugier genügt (WDR5), das sich auch mit Nepal befasst, genauer mit sogenannten Menstruationshütten und der religiös-motivierten Tradition, dass Frauen, die menstruieren außerhalb des Hauses bleiben müssen, die zwar verboten aber in abgelegenen Regionen von Nepal nach wie vor weit verbreitet ist. Dieser Podcast führt dann sehr deutlich vor Augen, wie vollkommen weit weg von jedem westlichen Einfluss Teile des Landes sind und wie sehr eben das Land, Tourismus hin oder her, ein sehr sehr armes Entwicklungsland ist. Denn Entwicklung bedeutet ja keinesfalls nur „die Leute müssen nicht hungern“ sondern umfasst eben auch Sanitärstandards, Gleichberechtigung und Bildung. Ich fand es entsetzlich über diese Praxis zu hören, die ja zum Teil auch in einem sehr krassen Bildungsdefizit begründet ist. Dass Frauen nicht einmal selbst wissen, was genau Menstruation eigentlich ist, können wir uns hier kaum vorstellen, es ist aber tatsächlich so und zwar keineswegs nur in Nepal.

Hierzu noch passend eine Leseempfehlung: Sieben Frauen aus sieben verschiedenen Ländern erklären, warum Feminismus kein westliches Projekt ist.

Und dann wurde kürzlich auch andernorts über Menstruation geredet. Z.B. im Lila Podcast sowie im Kleinercast.

Zuschnitttetris Level 2: Doppelter Bruch

Bei meiner jüngsten Probebluse ergab sich die Gelegenheit, eine spezielle Strategie für Schnitte zu fotografieren, die viele Teile im Bruch zugeschnitten erfordern.

Ich wollte aus einem 90cm Reststück eine Probe für La Maison Victor „Pam“ zuschneiden. Der Schnitt hat Vorder- und Hinterteil im Bruch und lange Ärmel.

Was ich gemacht habe:
Zuerst einfach mal alle Teile platziert und geguckt ob überhaupt genug Stoff da ist – war.
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Den Stoff gebügelt und von beiden Seiten zur Mitte gefaltet, so dass zwei Stoffbrüche entstehen.
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Vorder- und Rückteil zugeschnitten.
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Dann wieder einfach gefaltet und die Ärmel quer zum Fadenlauf in doppelter Stofflage zugeschnitten.
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Zum Schluss die Belege auf die Rest gepuzzelt.
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Die Alternative Strategie wäre, sich jeweils volle Schnittteile zu erstellen und komplett in einfacher Stofflage zuzuschneiden.

Me made Mittwoch: Schmetterlinge und Vögel und Anna – again

Vollkommen überraschend – für mich – zeige ich heute ein Kleid mit Tieren. Dabei habe ich ja keine Kleidung mit Tieren, dachte ich. Das Tiermotto des MMM hätte ich also nicht erfüllen können und so habe ich auch überhaupt nicht daran gedacht als ich dieses Kleid letzte Woche nähte. Die Fotos sind von Samstag, als es noch relativ warm war und ich das Kleid zu einem ausgedehnten Ausflug in die Essener Gruga trug. Da ich es erst danach fotografierte ist es leicht knittrig (es saß den Tag über auf Picknickdecken und Rutschen) und das Licht etwas fotofeindlich, da es schon deutlich nach 20 Uhr war.

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Der Schnitt ist das Anna Dress von By Hand London, das derzeit eine Renaissance in der Nähbloggerinnenwelt erfährt, wie mir scheint. Vollkommen zurecht. Ich bin Fan der ersten Stunde, dies ist mein viertes Anna Dress. Neben der Tatsache, dass das Kleid mir mit sehr geringen Anpassungen in einer schmeichelhaft kleinen Größe passt, mag ich daran vor allen, dass es sich hervorragend für auffällig gemusterte Stoffe eignet. Deshalb fiel die Wahl auch auf diesen Schnitt, als ich mich entschloss, endlich den Stoff zu verarbeiten. Der Stoff lag nun drei Jahre in meinem Stoffschrank, ich bekam ihn von meiner Schwiegermutter geschenkt, fand ihn direkt wunderschön (Schmetterlinge! Vögel! Türkis!) – aber hatte Hemmungen ihn anzuschneiden, weil ich nicht wusste, wie ich die Streifen schlau platzieren sollte, vor allem weil bei querer Verarbeitung die Vögelchen aus den Streifen fallen würden… Irgendwann ging mir jedoch auf, dass das Anna Dress genug Raum bietet, um die Streifen weitgehend ungebrochen zu verarbeiten und so legte ich los.

imageMit dem Ergebnis bin ich absolut zufrieden. Durch den diagonal verarbeiteten Rock ist der Querstreifen-Gefangenen-Montur-Effekt abgemildert und dennoch sind von vorn alle Vöglein aufrecht. Hinten stehen sie allerdings Kopf – das gab der Stoff nicht anders her. Dafür ist mir der Streifenanschluss am rückwärtigen Oberteil perfekt gelungen, da bin ich ziemlich froh drüber.

imageAn der Seite passen die Streifen nicht ganz, das liegt daran, dass ich das vordere Oberteil durch das FBA um zwei Fingerbreit verlängere, das hintere aber – durch das Hohlkreuz – nicht. So musste ich zwischen oben passend oder unten passend einen Kompromiss finden. imageDas Kleid ist für den Sommer gedacht und daher nicht gefüttert, auf den Fotos trage ich ein Petticoat darunter. Einzige sonstige Änderungen (neben FBA): Rockteile durch einen halben Teller ersetzt und Seitennahttaschen hinzugefügt.

imageUnd nun reihe ich mich bei den bereits über 100 Damen in vielerlei Getier auf dem Me Made Mittwoch-Blog ein.

Sonntagssachen 15/2016

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Ein schwül-regnerischer Zuhausesonntag. Duplo gespielt – anderes wird hier derzeit kaum in Erwägung gezogen. Fußnägel sommerlich lackiert. Marienkäfer gebastelt. Gearbeitet. Einen mehrseitigen Fragebogen für den neuen Kindergarten ausgefüllt, der der US-Heimatschutzbehörde alle Ehre machen würde. Balkonpflanzen gegossen (also die, die im Trockenen stehen). Restquark vom Samstags-Picknick gesnackt. Das EM-Jäckchen weitergestrickt (Peggy Sue, aus Cotton-Merino in blau). Mit Wein die Regenluft genossen und dabei gebloggt.

Balkongarten-Stand: es sprießt und wächst

Inzwischen ist der Balkongarten schon gut gediehen. Ich habe Anfang Mai zwei Tomatenpflanzen und zwei Gurkenpflanzen eingepflanzt und auch die einjährigen Kräuter und die Blumen. Die Gurken habe ich leider einmal abends vor einer Frostnacht draußen vergessen und dann in der Folge versehentlich der einen überlebenden Pflanze den Stiel abgebrochen… nun werde ich also jetzt nach den Eisheiligen nochmal zwei Gurken nachpflanzen. Ansonsten gedeiht aber alles sehr gut.

Wir ernten schon ordentlich Pflücksalat, der Rucola schießt schon, auch der Spinat, da wird schon bald nachgesät. Die Salatmischung wächst toll, auch der Eichblatt. Da bin ich dieses Jahr sehr zufrieden. Ich dünge den Salat alle zwei Wochen und säe die Kästen etappenweise nach. Später im Jahr dann mit Feldsalat und Asiasalaten.
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Die 5 Erdbeerpflanzen haben alle Blüten und Fruchtansätze, die erste Erdbeere ist schon leicht rosa, ich hoffe, sie überlebt die Regenfront.
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Auch Radieschen haben wir schon einige geerntet, da säen wir auch nochmal nach.

Die Erbsen wachsen gerade fleißig in Richtung Geländer.

Minze, Rosmarin, Thymian und Bohnenkraut sind nach dem Winter super neu ausgetrieben. Leider hatte die Minze einen starken Lausbefall, so dass ich sie recht radikal beschnittem hab, um die Nachbarpflanzen zu schützen. Oregano, Basilikum, Petersilie und Schnittlauch haben wir Anfang Mai ausgepflanzt und ernten wir fortlaufend.
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Auch die Tomaten sind prächtig gewachsen und setzen Blüten an. Sehr gespannt bin ich, ob das Pflaumenbäumchen des Minimensch wohl tragen wird, toll geblüht hat es jedenfalls.

Derzeit bin ich sehr zufrieden, ein bis zwei Sommerblumen kommen wohl noch dazu. Dann muss ich mal langsam die Ferienbewässerung bedenken.

Me made Mittwoch: Stoffwechselliebe und Shawl

Ich zeige heute mein Bürooutfit von gestern. Ich truge nämlich ein 1a-Nähnerdflausch-Outfit, das mich sehr erfreut. Leider ist mein Handy derzeit unkooperativ und macht in großer Mehrzahl unscharfe Fotos. Aber einige habe ich geschafft:
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Das Kleid habe ich im Rahmen des ersten Stoffwechsels genäht, das ist nun schon zwei Jahre her. Der Stoff kam von Meike und der Schnitt ist New Look 6069, ein Schnitt den ich sehr regelmäßig wieder herauskrame. Das Kleid hat sich in meinem Kleiderschrank sehr etabliert. Ich trage es von Frühling bis Herbst, denn dank der schwarzen Grundfarbe passt es prima zu schwarzen Strumpfhosen, das ist ein echtes Problem anderer Baumwollkleider, die oft hellgrundig sind und mir deshalb im Frühjahr und Herbst Kombinations-Kopfschmerzen bereiten. Ich trage heute darunter ein langärmeliges Jersey-Unterkleid (im Prinzip ein verlängertes Shirt), aber auch nur mit Shirt oder mit Strickjacke kombiniert es sich prima.
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Hätte man mich am Anfang, als ich den Stoff bekam, gefragt, ob ich das Kleid viel tragen würde, hätte ich obwohl ich den Stoff direkt sehr schön fand, bestimmt genau wegen des Schwarz zurückhaltend geantwortet. De facto trage ich es aber so oft, dass es mittlerweile schon zweimal geflickt ist. Das schwarz gibt dem Kleid die nötige Ruhe, die mir sonst bei gemusterten Stoffen manchmal fehlt, dennoch hat es ein sehr schönes Muster, das besonders und locker wirkt. Zudem geben Paspel und Spitzensaum dem ganzen auch noch einen Hauch zusätzliche Farbe. Und der Rest kommt dann von Accessoires, wie etwa dem Schal, den ich umschlug, um den morgendlich kalten Temperaturen zu trotzen.
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Diesen Schal habe ich parallel zu Monikas Summer Shawl Knitalong fertig gestrickt, begonnen hatte ich ihn im Juni 2015. Es handelt sich um das Muster Meandering Vines Shawl (hier Link zu ravelry), das ich schon zuvor mal aus Lacegarn probiert , dann aber abgebrochen hatte.

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Jetzt nun also fertig, aus vier Knäueln Drops Alpaka in lila, gestrickt mit Nadelstärke 3,25 und ohne das beschriebene zweigeteilte Stricken, sondern einfach so viele Mustersätze bis ich mit der Länge zufrieden war.

Ich bin mit dem Gesamteindruck sehr zufrieden, finde auch, dass sich die Wolle gut dafür eignet (solang man Alpaka am Hals vertragen kann), allerdings zuppele ich viel daran herum, weil sich ein Schal nicht ganz so schön drapieren lässt, wie ein ovales oder rundes Tuch, finde ich. Außerdem wird er natürlich stetig länger und schmaler und ich ziehe ihn alle paar Tage wieder in die Breite.

Hier nochmal bessere Bilder vom Kleid einzeln:

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Und Katharina zeigt uns heute Ergebnisse ihrer Kleiderschrankentrümpelung, die sich wirklich sehen lassen können.

Sonntagssachen 14/2016

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Pfingstsonntag auf Besuch bei meinen Eltern . Der Sonntag begann mit Cider, Chips und Strickzeug beim ESC, den ich bis zum Ende gucken musste, das ist ja so wie mit Verkehrsunfällen. Ich war dieses Jahr etwas enttäuscht, zu wenig crazy und zu viele Animationen für meinen Geschmack. Dass der Minimensch um 6.15 aufgrund der nicht existenten Rollladen quietschfidel erwachte, war nicht so ganz begeisternd. Aber gut, so waren dann zumindest die Brötchen früh fertig. Der Vormittag plätscherte dahin. Ich brachte mir mittels YouTube und Blogs das Kaffeebohnenmuster bei, weil mir die Zöpfe von Peggy Sue zu kompliziert sind. Ich verklüngel ja dann doch nur immer die Zopfnadel… Die Nägel in Ruhe lackiert, zahlreiche Bücher vorgelesen und ein kleines Stück von Peggy Sue gestrickt. Gegen Mittag das neue Laufrad samt Kind ums Dorf bewegt und dann noch in den Garten geschickt. Das Wetter war erstaunlich trocken, leider aber recht kalt. Der Nachmittag ebenso gemütlich mit Tee und einem extrem dicht möblierten und leicht überbevölkerten Duplohaus aus meiner Kindheit. Früher war alles besser, auch das Duplo. Kuchen und Spargel entgingen dem Foto, zum einschlafen gab es „Swimmy“ – ich bin wirklich großer Fan der Bücher von Leo Leonni, so hübsch illustriert und so schöne Geschichten. Danach habe ich meinen Eltern die Wii angeschlossen, meine Koordinationsfähigkeit war aber dann doch etwas vom Rotwein beeinträchtigt. Tja nun.

Sonntagssachen 13/2016

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Gestern war Kurzurlaubsrückreisetag. Der begann mit packen. Dann nochmal ausführlich frühstücken. Und ab auf die Landstraße – adieu herrlichstes Schwarzwald-Panorama bei Sonnenschein. Zwischenstopp in Freiburg mit schlendern und sehr guten Falafeltaschen. Und dann auf die 6stündige Autobahnfahrt – dabei einen Socken fertig gestrickt und einen zweiten begonnen. Gelenkt (hier natürlich im Stand auf dem Rastplatz fotografiert). Snacks gereicht sowie Spielsachen, Bücher und Malstifte – der Minimensch ist ein sehr guter Auto-Mitreisender, der die 6 Stunden Fahrt vollkommen klaglos überstand. Zuhause dann Taschen auspacken, Wäscheberge wegsortieren. Und noch schnell ein paar Druckknöpfe in ein Kindershirt drücken.

Sonntagssachen 12/2016

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Passend zu den kalten Temperaturen am Morgen erstmal „Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch“ vorgelesen. Ein Geschenk eingepackt. Milchkaffee gemacht. Reparaturen am Holzstall durchgeführt. Haufenweise Kram eingepackt. Zu einer Grillparty im Wald gefahren, wo ganz anders als erwartet das Wetter gut war. Und das Essen auch. Wieder zuhause noch den Nähtisch aufgeräumt.

Indianermentalität

Alle paar Monate kommt es mal über mich und ich denke über den Sinn und Unsinn des Selbermachens und darüber bloggens nach. Gerade so trübe, krankheitssgezeichnete Wintermonate bieten sich ja zum Grübeln an und so denkt es schon eine ganze Weile in meinem Kopf herum und kreist um die Frage: Warum ist mir das Selbstmachen von Dingen wichtig? Textile Nachhaltigkeit ist ja hier im Blog jetzt nicht direkt ein neues Thema. Aber immer mal wieder reflektiert man ja auch, hoffentlich, das eigene Verhalten. Oder nimmt sich vor, noch etwas konsequenter zu sein, oder oder.

Erinnert ihr euch noch an den Spruch meiner liebsten Stoffverkäuferin? Von der Indianermentalität?

„Was ich selbst machen kann, das muss ich nicht tauschen.“

Das bringt für mich, ein wenig, auf den Punkt, was mir schon länger so im Kopf herumdenkt. Ich beobachte an mir und auch am Mann eine fortschreitende Tendenz zur Indianermentalität. Wenn wir etwas anschaffen wollen, oder müssen, denken wir zunehmend oft „Kann man das nicht auch selbst machen?“ Wenn etwas kaputt geht, fragen wir uns in letzter Zeit „Können wir das irgendwie selbst reparieren?“ Sobald ich lese, dass irgendwo im weiten Internet jemand irgendwelche praktischen Sachen selbst macht, frage ich mich quasi reflexhaft, ob ich das nicht auch mal probieren sollte.Zum Beispiel habe ich vor Weihnachten Seife gemacht. Und war davon derart angefixt, dass ich nun darüber nachdenke auch meine Haarseife selbst zu machen. Als vor 1,5 Jahren unsere Spülmaschine kaputt war, haben wir sie mühsam auseinander gebaut und ihr Gebergehäuse gereinigt und sie wieder zusammen gebaut, das hat uns zu zweit einen ganzen Samstag beschäftigt. Ich pflanze, obwohl es kaum nennenswert zu unserer Versorgung beiträgt, selbst Gemüse und Salat auf dem Balkon an. Ich habe auch vor einigen Monaten begonnen, flüssiges Waschmittel selbst zu kochen. Neuerdings backe ich jeden Samstag Brötchen, obwohl wir in Laufentfernung zwei hervorragende Bäcker haben, einer davon sogar ein echter Handwerksbäcker.

Warum tun wir das? Ist unser Leben nicht stressig genug, können wir uns die Dinge nicht leisten, oder sind wir einfach irre?

Tatsächlich sind wir in der priviligierten Situation, dass wir uns die meisten Dinge leisten könnten. Wir können Shampoo, Brötchen und Waschmittel, ja sogar Spülmaschinen kaufen, ohne darüber in Existenznot zu geraten. Ich bin auch ganz sicher eine der letzten, die die Vorteile der arbeitsteiligen Gesellschaft leugnen würde. Bin ich froh, dass – zum Beispiel – jemand anderes mir Blut abnimmt und meine Risiken versichert. Dennoch ist es für mich eine Frage der Freiheit, Dinge selbst machen zu können. Vielleicht nur, um zu wissen, dass ich es könnte, vielleicht, weil ich es selbst passgenauer, besser oder für mich individueller  machen kann (das gilt z.b. für selbst gemachte Kleidung) manchmal aber auch nur, um wert zu schätzen, was andere für mich tun oder um zu verstehen, wie Dinge gemacht werden. Von der Akkumulation von Fähigkeiten für die Post-Apokalypse reden wir heute mal nicht.

Es war für mich erhellend, den Prozess des Seifens zu verstehen. Ich verstehe gern Handwerkstechniken, ich finde gut, wenn das Wissen darum nicht verloren geht. Ich werde deshalb nicht jede Seife dieses Haushalts selbst herstellen – sicher nicht. Aber es ist gut, zu wissen, wie das funktioniert, was da so reinkommt und sowas. Ich finde es einfach cool, zu wissen wie etwas gemacht wird.

Manchmal packt mich auch der Ehrgeiz, das gilt z.B. für die Brötchen. Ich möchte das einfach können, das ist doch kein Hexenwerk, es muss doch gehen, selbst lockere knusprige Brötchen zu backen und nicht nur blasse kleine Steinchen. Also experimentiere ich mit Rezepten, Gärzeiten, Lecitin, Dampf und Sprühflasche. Und dann kann ich, wenn ich eines Tages gute Brötchen backen kann, eben entscheiden, ob mir gerade nach selbst backen ist, oder ob wir einfach zum Bäcker laufen.

Und egal was ich selbst mache, ob Kleidung, Brot, Spülmaschinenreparatur oder eine schöne Glückwunschkarte. Gleichzeitig mit dem Wissen um die Fertigung steigt auch die Anerkennung und Wertschätzung für die Arbeit, die andere für mich sonst tun würden. Ich finde sehr wichtig zu sehen und anzuerkennen, dass unsere Konsumprodukte bislang eben nur zu einem kleinen Teil (dieser kleine Teil enthält leider viele Lebensmittel) praktisch komplett von einer Maschine gemacht werden, sondern dass vieles von dem, was wir konsumieren Handarbeit erfodert und auch heute noch in Handarbeit hergestellt wird. Das gilt für Kleidung, da ist das uns Nähenden sicher am meisten präsent. Aber auch die Geduld, Zeit und Mühe, die es braucht, ein wirklich gutes Brot, ein wirklich leckeres Brötchen handwerklich herzustellen sollte man erfahren und begreifen. Auch die Zeit und Anstrengung, die es kostet, Dinge zu reparieren. Das lässt uns, hoffentlich, auch das Produkt wertschätzen und nicht leichtfertig wegwerfen.

Und ganz zu Ende gedacht, trifft es die Bezeichnung der Indianermentalität ganz gut. Durch das selbst machen von Dingen, schaffe ich mir selbst Unabhängigkeit. Ich kann immernoch alles kaufen, ich kann mich aber auch entscheiden, diese Dinge selbst zu machen. Ich erweitere meinen Möglichkeitenraum*. Und diese Wahlfreiheit ist letztlich ein großes Privileg. Die Näherin in einer Fabrik in Bangladesh kann sich nicht aussuchen, ob sie für uns Kleidung nähen möchte oder nicht. Und wer sich gänzlich vom Produktionsprozess seiner Konsumgüter entfernt, hat diese Freiheit auch nicht mehr. Auch eine Spielart von selbst-gewählter Unmündigkeit, oder?

 

*Zu diesem Konzept werde ich getrennt nochmal was bloggen.