Sonntagssachen 26/2016

Früh am Sonntagmorgen erwacht, die Sonne kitzelte gerade so den Giebel des Nachbarhauses, Mann, schon ganz schön herbstliches Morgenlicht. Leider hält sich meine Erkältung recht hartnäckig, also erstmal Hustentropfen im Bett -Geht doch nix über nen Schnaps am Morgen. Danach aber extra flott und mit aufgebackenen Brötchen gefrühstückt, die Haare Hitze-tauglich weg gesteckt und uns sehr bemüht früh weg zu kommen. Klappte so semi aber schließlich waren wir und das Kanu an der Ruhr – aufpumpen und los. Auf dem Wasser keine Fotos, das Belohnungseis auch nicht festgehalten. Zurück zuhause stand am Nachmittag eine Backsession an, Mandel-Kirschkuchen und Sonmerquiche für meinen Abschied im Büro. Mit Gasherd und Ofen im Dauerbetrieb erreichte die Küche dann ziemlich unerträgliche Temperaturen, so dass das Abendessen Brötchen, Salat und Käse sein musste. Als es kühl genug war dann noch etwas am Erster-Arbeitstag-Rock genäht, leider durch Abwesenheit passender Reißverschlüsse aus gebremst.

Campinggarderobe 1

Ich war im Verlaufe des Juli ausgesprochen nähproduktiv. Für unseren Campingurlaub wollte ich eine unkomplizierte Sommergarderobe nähen. Wir sind da ganz massiv packplatz-beschränkt und deshalb kamen meine sonstigen Sommerkleider und Röcke nicht recht in Frage. Webstoff, viel helles, wenig gut kombinierbar. Da hätte ich zu viele Teile einpacken müssen, die auch noch knitteranfällig gewesen wären. Mein Einpack-Plan war daher: 4 Jerseykleider, 2 Röcke, 1 Jeans, 4 Oberteile, 1 Pulli, 1 Strickjacke. (Südfrankreich im August ist heiß)

Zu diesem Zwecke hatte ich mich an einem heißen Tag Ende Juni (?) auf dem Stoffmarkt mit Frau Fantipanti und Freundin J. mit reichlich Jersey eingedeckt. Tatsächlich habe ich 3 Jerseykleider, 2 Röcke und 3 Shirts unmittelbar vor dem Urlaub genäht und alles hat sich sehr bewährt. 

Hier kommt meine absolute Nr. 1 meiner Campingkleider:

Campingkleid in seinem natürlichen Habitat

Dieses Kleid habe ich im Urlaub richtig viel, und auf der Rückfahrt und in den letzten heißen Tagen auch wieder getragen. Es ist luftig, bequem und sehr hübsch. Perfektes Urlaubskleid.

Der Schnitt ist ein Patternhack. Das Oberteil ist von einem Burda-Kleid (Nr. 111 aus 10/2014), das eigentlich schmal im Rockteil ist. Daran habe ich einen halben Teller angesetzt und in der Taillennaht ein Gummi mit gefasst. Der Stoff ist Viskosejersey und leider leiert er mit dem Tragen sehr aus. Trotz Aushängens hat der Rock jetzt wieder massiv Zipfel und ist auch insg zu lang. Auch die Taille sitzt inzwischen deutlich zu tief. Aber egal. Ein Top- Sommerkleid. 

Bessere Fotos gibt es leider nicht, hier zuhause leben wir ja bei heißem Wetter mehr so immer im Dämmerlicht. Und zu heiß für Fotoaction ist es auch. 

Meanwhile at the siebenhundertsachens

Es sind, ganz ohne dass ich hier dazu bisher viele Worte verlor, im Hintergrund Dinge geschehen. Wer mir auf Twitter folgt, hat zumindest eine Ahnung.

Das größte und wichtigste ist, dass ich bald eine neue Arbeit anfangen werde. Eine richtig tolle Arbeit, auf die ich mich sehr freue. Und die zudem nicht befristet ist. Ich werde in Zukunft nicht mehr lehren und forschen, dennoch arbeite ich weiterhin an einer Uni, allerdings an einer anderen als bisher. Ich werde im Wissenschaftsmanagement tätig sein und obwohl das gemeinhin als das Methadon für Wissenschaftler gilt, freue ich mich darüber sehr. Ich habe die Entscheidung gegen eine Wissenschaftskarriere nun ca 2 Jahre in mir herumgewälzt und dann doch recht überzeugt und leicht gefällt. Ich habe immer sehr gern gelehrt und geforscht und ich mag mein Fach sehr. Dennoch ist es sehr gut, jetzt etwas neues anzufangen. Der Wissenschaftsbetrieb hat mich in letzter Zeit sehr oft wütend und verzweifelt gemacht. So offensichtlich laufen wir in Deutschland als Wissenschaftsstandort geradewegs und sehenden Auges gegen die Wand, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann (oder ihn gleich vielfach auf die Tischplatte knallen lassen). Ich habe für mich die Hoffnung aufgegeben, dass sich an meinen Arbeitsbedingungen etwas ändert, festgestellt, dass meine Prioritäten nicht hergeben, mich damit abzufinden und daraus (spät) Konsequenzen gezogen. Nun bin ich sehr sehr zufrieden und bereue nix. Allein, an mir selbst zu beobachten, wie enorm riesig das Gefühl der Erleichterung war, als mir klar wurde, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben unbefristet eingestellt werden werde, hat mich sehr überrascht und in meiner Entscheidung bestätigt. Ich werde also bald womöglich mittwochs Kleiderfotos in einem anderen Büro machen, vielleicht sogar andere Kleider, denn möglicherweise ist der Dresscode formaler als bisher. Und ich werde etwas mehr arbeiten und etwas weniger Auto fahren.

Ein positiver Nebeneffekt meines Jobwechsels ist, dass ich gezwungen bin, nun meinen wirklich riesigen Berg von Resturlaub zu nehmen und daher gerade bereits in der vierten Woche Urlaub in Folge bin. Heureka! Ich genieße also nun nach zwei Wochen Südfrankreich noch 2,5 Wochen Urlaub zuhause und das Wetter macht ganz hervorragend mit. ich dachte natürlich, ich würde in dieser Zeit sehr viel nähen. Das ist bisher allerdings nicht so der Fall. Da der Minimensch gerade von der U3-Kita in den „echten“ Kindergarten wechselt, profitiert er auch davon, dass ich zuhause bin und ist ebenfalls recht früh wieder zuhause. Und zudem habe ich mir da ein kleines Projekt angelacht, dass bisher erstaunlich viel Zeit in Anspruch nimmt:

Ich beginne ein zweites Blog. Ein Blog über ökonomische, politökonomische und feministisch-ökonomische Themen. Auch das war auf Twitter in letzter Zeit ein bisschen rauszulesen. Bisher haben sich ja die ökonomischen Posts hier zwischen viel anderem versteckt. Ich finde das auch richtig. Dieses Blog hier ist meine Wohnung im Internet und es hat viele und verschiedene Zimmer. Ein großes Handarbeitszimmer, eine Küche, ein Kinderzimmer, ein Wohnzimmer, einen Garten und eben auch ein Arbeitszimmer. Und ich denke, den meisten meiner Leserinnen gefällt genau diese Mischung auch sehr gut. Allerdings gibt es gleichzeitig in den Weiten der Wirtschaftsblog-Szene und auch bei den klassischen Medien sehr sehr wenige Frauen, die über Wirtschaftsthemen schreiben, reden oder filmen. Das finde ich schade und das würde ich gern ändern. Aus der Resonanz zu meinen bisherigen Posts mit Wirtschaftsbezug schließe ich auch, dass es da durchaus ein Interesse gibt. Und dieser Leserinnenkreis möchte offenbar nur in mein Arbeitszimmer gucken. Gleichzeitig werde ich mich ja nun beruflich von der Ökonomie weitestgehend verabschieden, und das war für mich der Auslöser, das neue Blog tatsächlich in Angriff zu nehmen. Denn nun ist Ökonomie für mich Freizeit, so wie Bloggen Freizeit ist und damit finde ich es ok. Ich hätte nur ungern meine Freizeit mit beruflichem verbracht und wollte auch nie so ein semi-öffentliches Berufsleben führen. Ich hänge ja auch ein wenig an meiner Pseudonymität, das passte eben bisher alles nicht so recht. Jetzt passt es und deshalb geht es auch los.

Hier auf dem siebenhundertsachenBlog soll sich dadurch nichts ändern. Ich mag dieses Blog und ich schätze euch, meine Leserinnen, sehr. Hier gibt es nix zu rütteln. Ich werde daher Posts, die auf dem neuen Blog erscheinen und etwa so sind, wie die bisherigen Ökonomie-Posts hier, doppelposten. Möglicherweise wird es aber auf dem zweiten Blog noch weitere Posts geben, das weiß ich noch gar nicht so genau, aber ich halte euch auf dem Laufenden.

Und, wollt ihr mal gucken gehen? Dann hier entlang: Beyond Milchmädchen – Ein Blog über Ökonomie.

Ich freue mich, wenn ihr weitersagt, dass ich ein neues Blog habe und mir eine Leserschaft vermittelt, die vielleicht Interesse an meinem Ökonomie-Blog hat, denn ich bin ja von diesem Blog ziemlich Leserinnen-verwöhnt und sehr gespannt, was für ein Wind wohl in meiner neuen Zweit-Wohnung weht.

Sonntagssachen 25/2016

Wir sind früh wach, obwohl wir am Vortag spät im Bett waren, der Minimensch geht jetzt in den richtigen Kindergarten, da muss nachts ein bisschen verarbeitet werden. Es riecht morgens schon nach Herbst und sieht auch so aus. Aber schön. – Frühstück, das erste Sonntagsfrühstück nach dem Urlaub, wir vermissen die französischen Croissants ein wenig. – Dafür ist Zwetschgenzeit und es wird also Kuchen gebacken. Mit Streuseln. – Im Bekanntenkreis ist mal wieder ein Baby eingetroffen, ich nähe mein Standardgeschenk, eine Pumphose nach eigenem Schnitt. Der Minimensch sucht den Stoff aus und sortiert Knöpfe. – Weiter geht es mit Kuchen. Danach widme ich mich einem Rock aus einem wirklich absolut schrecklichen Stoff, meine Nerven leiden etwas, derweil schrauben Mann und Minimensch an Skateboards. – Während der Minimensch selig die Duplos bespielt, die nicht mit im Urlaub waren – denke ich kurz darüber nach, zum zweiten Mal die Knöpfe an mein EM-Jäckchen zu nähen, beschließe aber dann, dass mich die nicht ganz passende Farbe zu sehr stört und ich lieber andere suchen will. – Des abends schlüpfen ich in meine Sportklamotten und quäle mich durch ein eigentlich recht unanspruchsvolles Workout, so ein fauler Sonntag macht nicht eben sportlustig. – Und danach bastel ich an einem geheimen Geheimprojekt, bin aber unzufrieden und muss schlafen bevor es besser werden kann. 

We are all doomed … Was Ökonomen über die Folgen des Brexit wissen (4)

Die Fortsetzung dieser Reihe ist durch den Anschlag in Nizza und den Putschversuch in der Türkei etwas ins Hintertreffen gekommen. Der Brexit ist so schnell schon zu News von vorgestern geworden, dass einem ganz schwindelig werden kann. Aber eigentlich war ich noch nicht ganz fertig.

Kaum schreibt man mal einige Tage nicht über den Brexit, schon überschlagen sich auf der Insel die Ereignisse. Ich denke mit Theresa Mays Regierungsumbildung ist recht klar, dass die Kosten des Brexit durch eine breite Belastung der Bevölkerung z.B. durch Mehrwertsteuer oder Abbau von Arbeitnehmerrechten finanziert werden werden.

Aber bleiben wir bei der systematischen Herangehensweise und versuchen mal in die unklare Zukunft zu blicken. Es gibt eine Handvoll Studien, die den Brexit innerhalb des letzten Jahres, also ohne Kenntnis des Abstimmungsergebnisses, simuliert haben. Die Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Abschätzungen des Gesamtergebnisses, auch weil sie sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen nach dem Austritt unterstellen. Zusätzlich sind langfristige Wirtschaftsprognosen aufgrund der stark interdependenten Struktur der Wirtschaft, der weitgehenden Irrationalität der Marktteilnehmer und der wenig verlässlichen Prognose wichtiger Preise wie etwa des Ölpreises ohnehin mit sehr viel Vorsicht zu genießen. Allerdings sind sich alle einigermaßen seriösen Studien einig, dass sich eine mittel- und langfristige wirtschaftliche Schwächung Großbritanniens und auch ein negativer Effekt für andere EU-Staaten ergibt. Nicht eine Studie findet einen positiven Gesamteffekt. Üblicherweise unterstellen die Studien verschiedene Szenarien in denen sie eine unterschiedlich starke Integration des Vereinigten Königreichs mit dem EU-Binnenmarkt simulieren. Es wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Austrittsverhandlungen und damit die unmittelbare Unsicherheit bis ca. 2019 anhalten und sich hieran dann nochmal 2-4 Jahre anschließen in denen Großbritannien neue Handelsabkommen mit der EU und den 58 Ländern, mit denen die EU Handelsabkommen hat, schließen muss. Erst ca. 2023 tritt dann die neue Struktur in Kraft, die meisten Studien simulieren das Endgleichgewicht in 2030. Das ist eine geradezu aberwitzig lange Anpassungsperiode – denn letztlich heißt das: Experten gehen davon aus, dass die dann vermutlich immer noch schlechtere oder zumindest nicht bessere Situation in UK 14 Jahre braucht, um sich zurecht zu ruckeln. Bis dahin ist damit zu rechnen, dass es erstmal sehr viel schlechter ist. 14 Jahre. Das ist länger als Deutschland nach der Wiedervereinigung und Europa nach dem Krieg für den Aufholprozess gebraucht hat. So pessimistisch sind Ökonomen tatsächlich wirklich selten.

Es kursieren in der Presse einige Zahlen wie „der Austritt würde jeden britischen Haushalt pro Jahr 780 Pfund kosten“. Solche Zahlen sind ausgemachter Unsinn. Wir können keine Zahlen in Geldeinheiten prognostizieren. Wir können immer nur sogenannte ceteris paribus-Aussagen treffen. D.h. ein ökonomisches Modell kann an einer Schraube drehen, hier an der Beziehung zur EU, muss aber unterstellen, dass der gesamte Rest des Systems sich nicht ändert oder zumindest entlang einer zusätzlich festgelegten Prognose. Alle Änderungen, die wir ausgeben können sind also relativ zu einem Referenzpfad, den wir aber auch nicht mit Sicherheit kennen. Wir wissen nicht, wo die britische Wirtschaft 2030 stünde, hätte das Referendum nicht stattgefunden, wir werden diesen Pfad auch nicht mehr beobachten können, wir können aber nur sagen um wieviel Prozent sie nun ca. unter diesen Pfad gelangen werden. Ich denke es wird klar, dass konkrete Geldbeträge in diesem Kontext einfach nur als glatte Lügen auszulegen sind. Leider sind konkrete Geldbeträge genau das was sowohl Politiker als auch Medien dringend von Volkswirten haben wollen.

Nun… wo stünden wir also, wenn wir unterstellen, dass die Briten aus der EU aus und dann in ein neues Handelsregime eintreten 2030 gegenüber dem imaginären Business-as-Usual 2030? Einigermaßen zuverlässig wird davon ausgegangen, dass der Verlust in Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf zwischen 1 und 3% pro Jahr über die Jahre 2016-2030 liegen wird und selbst die optimistischeren Studien gehen 2030 noch etwa von zwischen -0,3 und -0,5% des BIP/Kopf aus. Die Simulationen sehen für Irland einen fast ebenso stark negativen Effekt voraus, in eingen Studien gar stärker. Für die anderen EU-Staaten liegen die Verluste bei unter 1% des BIP allerdings eben auch pro Jahr über mindestens die nächsten 14 Jahre. Der EU27-Schnitt liegt je nach Studie zwischen -0,10% und -0,5%, dabei sehen die Studien Deutschland im Mittelfeld bei den Verlusten, hinter Staaten wie Luxemburg und Belgien.

gdp_capita_uk

BIP/Kopf, Änderungsrate in %, Quelle: Weltbank

Ist das wenig oder viel? Für eine ökonomische Langzeitprognose ist das immens. Solche Ergebnisse finden Modellierer nur sehr selten. In der Realität? Das britische BIP pro Kopf ist im Mittel der letzten 50 Jahre um ca 2-3% pro Jahr gewachsen, wie in allen Industriestaaten flacht sich diese Entwicklung ab. Wir reden hier also von gut und gerne einer Halbierung des Wachstums über ungefähr 15 Jahre. Das ist eine wirklich bedenkliche Prognose.

Woher kommt das? Wohin verschwindet denn das Geld? Ganz grob gesagt, gibt es da zwei bis drei wesentliche Punkte.

  1. Investitionsrückgang

Wie sich bereits andeutet, ziehen sich Investoren aus dem UK zurück. Hieraus ergibt sich ein geringerer Kapitalstock, d.h. eine Reduktion der Produktionsmöglichkeiten. Es ist zudem davon auszugehen, dass sich mit internationalen Unternehmen tendenziell die produktivsten Unternehmen zurückziehen, wodurch zusätzlich die Produktivität, auch des verbliebenen Kapitals, geringer ist als zuvor. Dieser Ausfall an Investitionen soll, so die Strategie der Brexit-Kampagne, kompensiert werden, indem die Unternehmenssteuern massiv gesenkt werden, um den Standort für Investoren attraktiver zu machen. Dieser Prozess, neue Investoren, potenziell aus anderen Ländern zu attrahieren, wird allerdings Zeit benötigen und es ist offen, ob eine vollständige Kompensation überhaupt gelingt. Schon jetzt absehbar ist, dass diese Investitions-Strategie definitiv zulasten der ärmeren Haushalte gehen wird, einerseits weil die Kompensation der Ausfälle bei der Unternehmenssteuer mit hoher Wahrscheinlichkeit mittels einer wenig abwälzbaren Steuer wie Mehrwertsteuer oder anderer Konsumsteuern erfolgen wird und andererseits weil auch schon die Rede davon ist, dass eine Abschaffung der europäischen Standards was Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, Diskriminierungsschutz und Umweltstandards anbelangt auch dazu beitragen könnte, den Standort für Unternehmen attraktiver zu machen.

2. Handelseinbruch und -struktur

Auf jeden Fall sobald Großbritannien aus dem Binnenmarkt ausscheidet, wird es zu einem erheblichen Einbruch des Handels mit der EU kommen. Sollte die EU ihren Außenzoll auf britische Exporte erheben, würden britische Produkte erheblich teurer werden. Gleichzeitig würden auch europäische Produkte in Großbritannien teurer. Es kann sogar sein, dass ein Teil dieses Effektes sich vorwegnimmt, vor allem im Bereich der importierten Vorprodukte. Firmen schließen in der Regel längerfristige Verträge mit Zulieferern. wenn also ein deutsches Unternehmen bisher britische Vorprodukte verbaut und nicht sicher sein kann, ob diese irgendwann in den nächsten Jahren bezollt werden, dann wird es auch jetzt schon bei Abschluss eines neuen Vertrages einen anderen Zulieferer z.B. aus Spanien oder Portugal suchen, und mit diesem den nächsten Vertrag schließen. Die Importe aus Großbritannien brechen also schon ein, selbst wenn gar nicht klar ist, ob jemals ein Zoll auf britische Produkte erhoben wird.

Bisher macht der Handel mit der EU ca. 40% des britischen Gesamthandels aus. Das ist weniger als z.B. für Deutschland, das über 50% seines Handels mit der EU tätigt, aber es ist ein sehr großer Posten. Diesen Handel müsste die britische Wirtschaft teilweise ersetzen. Entweder indem mehr Import-Substitute heimisch hergestellt werden und mehr heimisch konsumiert würde, oder indem es mehr mit Drittländern handelt. Dies ist nicht ganz trivial möglich. Die Wirtschaft moderner Industriestaaten ist spezialisiert, Großbritannien kann nicht einfach Güter, die es bisher aus Deutschland kauft ab morgen aus Azerbaidjan kaufen. Umgekehrt werden auch die Güter, die Großbritannien exportiert, nicht sofort und ohne Umstellungskosten Abnehmer in Puerto Rico finden. D.h. eine Umstellung des Handels auf andere Partner hat auch eine Umstellung der Struktur des Handels zufolge. Zudem erfordert auch dies Zeit und geht nicht ohne Kosten über die Bühne. Und Anpassungskosten heißt nicht, dass einfach irgendwer irgendwem Geld überweist. Es heißt, dass Unternehmen pleite gehen, die sich auf Produkte für den europäischen Markt spezialisiert hatten und dass neue Unternehmen gegründet werden, die nun andere Dinge für den außereuropäischen Markt produzieren. Und nicht zwangsläufig die gleichen Arbeitskräfte benötigen, die vorher benötigt wurden. Wenn also der neue Brexit-Minister sich hinstellt und in das Internet schreibt, dass Großbritannien ganz bestimmt ohne die Last der Langsamkeit der europäischen Union ganz schnell ganz tolle Handelsbeziehungen mit allen hat, dann ist das dumm, naiv oder eine Lüge.

Und dann gibt es noch ein Sahnehäubchen. Selbst unter der Annahme, dass irgendwann 2025 alle Investoren und alle Handelsbeziehungen wieder etwa vom Umfang den heutigen entsprechen, heißt das noch nicht, dass dann auch genausoviel produziert und genausoviel Einkommen bezahlt wird. Industrieländer handeln und investieren mit anderen Industrieländern in der Regel horizontal, d.h. auf der gleichen Produktionskomplexitätsstufe, vielmals sogar innerhalb ein- und derselben Branche. Großbritannien z.B. handelt mit der EU, insb. mit Deutschland KfZ-Teile. Und zwar in beide Richtungen. Ein Teil der Teile für deutsche wie britische Autos wird in Deutschland hergestellt, ein Teil in Großbritannien und wir tauschen das quasi. Gleiches gilt für fast jedes komplexere Industrieprodukt. Dieser Handel ist deshalb vorteilhaft, weil es Spezialisierungsgewinne gibt, also eine größere Menge kostengünstiger produziert werden kann, wir wissen aber heute auch, dass sich Handel etabliert und Nutzen stiftet weil zusätzlich Vielfalt geschaffen wird und – und das ist hier entscheidend – die Durchschnittsproduktivität der Wirtschaft steigt. Das mit der Vielfalt lassen wir mal kurz weg. Entscheidend ist, von den Unternehmen eines Landes werden sich nur die produktiveren trauen, auch im Ausland anzubieten und nur die produktivsten werden Niederlassungen im Ausland eröffnen können, einfach deshalb, weil die Öffnung zum internationalen Markt eine Vervielfachung der Konkurrenz bedeutet. Dadurch, dass der Handel zu Effizienzgewinnen führt, können dann die ohnehin produktiveren Unternehmen ihren Marktanteil ausdehnen, wodurch insgesamt die Produktivität der Branche steigt. Dieser Mechanismus gilt aber eben vor allem für horizontalen Handel und horizontale Direktinvestitionen, also innerhalb einer Branche und eine Verarbeitungsstufe. Wenn wir das jetzt umkehren und davon ausgehen, das Großbritannien durch eine Abkehr von der EU fast zwangsläufig vermehrt mit Industrie- und Schwellenländern handeln wird mit denen es eben dann vollkommen verschiedene Güter tauschen muss (Kleidung gegen Autos oder so), dann sinkt in den Gütern, die Großbritannien anbietet die Produktivität. Einerseits, wegen des oben beschriebenen Mechanismus über die Konkurrenz und andererseits weil es nicht von Spezialisierungsgewinnen innerhalb seiner Branchen profitiert. Das passiert nicht von heute auf morgen  aber es sorgt dafür dass mittel- bis langfristig der Gewinn aus dem Handel geschmälert wird.

Und dann noch die Vielfalt on top: Es ist inzwischen recht klar erwiesen, dass die Verfügbarkeit von mehr Varianten ein- und desselben Gutes uns glücklicher macht. D.h. wir finden es per se gut, neben deutschen Autos auch noch die Wahl zwischen französischen, britischen, koreanischen und was weiß ich was für Autos zu haben. Durch die Abkehr von einem bisher für die Briten wichtigen Importmarkt, nämlich der EU, werden die Varianten aller Güter, die aus der EU kommen teurer und z.T. vielleicht zu teuer, d.h. die Auswahl sinkt. Das ist zusätzlich zu allem anderen dann auch noch doof.

3. Hysterese

Schon bei Handel und Investitionen wurde klar, dass eine Veränderung der Struktur der Investitionsflüsse und des Handels Großbritannien auch langfristig auf einen niedrigeren Wachstumspfad führen könnte. Ein weiterer Effekt der hier zu nennen ist, ist Hysterese. Ganz kurz gesagt besagt Hysterese, dass in einer Rezession Produktionspotential vernichtet wird, das dann für immer weg ist. Konkreter bezieht der Effekt sich primär auf Arbeitskräfte. Wir beobachten für EU-Länder das Phänomen, das auf jede Rezession ein Anstieg des Anteils der Langzeitarbeitslosen folgt. Der vermutete Mechanismus dahinter ist, dass diejenigen, die ursprünglich aufgrund einer eigentlich vorübergehenden schlechten Konjunktur ihren Job verloren haben, in der darauffolgenden Aufschwungphase nicht in den Arbeitsmarkt zurückfinden, weil sie in einer schneller sich verändernden Arbeitswelt den Anschluss verpassen. Hysterese ist ein umstrittenes Phänomen und scheint länderspezifisch zu sein, ein Nachweis für die USA ist bisher nicht gelungen, für Deutschland haben wir einigermaßen gesicherte Hinweise. Das Konzept lässt sich abgewandelt auch auf Kapital übertragen. In vielen Bereichen werde ich eine einmal stillgelegte Industrieanlage in 5 Jahren nicht mehr gewinnversprechend in Betrieb nehmen können, weil die Technologie sich überholt hat und 5 Jahre kontinuierliche Nachinvestition fehlen. Entsprechend wird die erwartbare tiefe Rezession der nächsten 2-3 Jahre unter Umständen dazu führen, das ein Teil der Arbeitskräfte und des Kapitals auch dauerhaft verloren sind, was einen langfristigen Effekt auf das mögliche Wachstum der britischen Wirtschaft haben dürfte.

Weitere Punkte, die ich nicht näher erläutern möchte wäre der Verlust an Arbeitskräften bei Beschränkung der Migration, der geringere Anschluss an technologische Entwicklungen in den europäischen Ländern und der Effekt auf den Staatshaushalt, der zu einem Rückgang der staatlichen Investitionen und auch der Ausgaben für Sozialsysteme, Bildungssystem und anderes führen könnte.

Damit schließe ich diese Minireihe. Wer weitergehend interessiert ist kann sich die zugrundeliegenden Studien angucken:

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Sonntagssachen 24/2015

Der Tag begann mit Penicillin dicht gefolgt von Magenschmerzen – in eine Biene oder Hummel treten ist gar nicht mal so schlau. Dann Frühstück. Schnittteile für einen High-Waist- Bikini zusammengeklebt – die Hoffnung stirbt zuletzt. Vorher jedoch muss ein ganzer Schwung Kindershorts enger gemacht werden, das Spargelkind rutscht leider ständig aus der Sommergarderobe. Es folgte eine ausgedehnte Session Sandkasten und Planschbecken. Da ich schon auf der Wiese einpennte, folgte dann ein Mittagsschlaf, herrlich! Des Nachmittags dem Kind beim Spaziergang die Lokalgeschichte nahe gebracht. Und ausführlich im Bach geplanscht. Nach Abendessen und aufräumen todmüde noch ein Brot gebacken – das wurde sehr gut!

Me made Mittwoch: Unkompliziert kompliziert

Heute war ich in einem meiner geplanten Ferienoutfits im Büro.

Prinzipiell zwei sehr einfache Sommer-Kleidungsstücke: ein halber Teller Rock aus Baumwolle und ein Shirt aus Baumwolljersey. Leider sind beide zwar OK aber irgendwie doch kompliziert.

Das Shirt ist das Cabarita Knit Top von Cake Patterns. Ich hatte mir von dem Schnitt viel versprochen. Auf den Schnittzeichnungen sieht das Shirt eng anliegend, kurvig und dabei durch den tiefen Rückenausschnitt doch besonders aus. Tja. Ich wählte die Größe nach meinen Körpermaßen, schnitt im vorgegebenen Fadenlauf zu und…. hatte einen unförmigen aber kurzen Sack an. Ich habe aus der Rückennaht und den Seitennähten insgesamt 10cm (!) Weite raus genommen. Und dennoch ist das Shirt immer noch nicht so körpernah, wie die Schnittzeichnung suggeriert. Bereits für mein D-Körbchen ist der Schnitt nicht kurvig genug, so dass die Brust nun zwar eng, der Rest aber schlabberig sitzt. Ich bin nach dem zweiten Schnitt nun endgültig über zeugt, dass das Größensystem von Cake Patterns Murks ist. Zudem ist das Design auch nicht praktisch, der tiefe hintere Ausschnitt rutscht gen vorn, unter den Armen ist viel zu viel Stoff, so dass ich dort schwitzte, dass zuerst das Halsbündchen angenäht und dann die hintere Naht geschlossen wird, macht es schwierig, die optimale Spannung des Bündchens zu bestimmen. Ich bin recht unzufrieden. 

Der Rock ist aus einem sehr schönen Baumwolldruck in Quiltstärke. Der Stoff hat allerdings einen sehr merkwürdigen Fall, so dass ich die ursprünglich eingenähte Tasche wieder zunähte und heraus nahm, weil sie so sehr am Oberstoff klebte. Die eine Seitennaht dreht sich komisch. Auch nicht ganz super alles. Aber definitiv weit weniger schlimm als Cabarita. 


Ich verlinke mich nun noch sehr spät beim Me made Mittwoch. 

Sonntagssachen 23/2016

Es ist Campingkram-Status-Überprüfungswochenende – da beginnt der Tag dann eben mit Luftmatratzenhoppsen, zur Qualitätssicherung natürlich. Die Packliste wächst vor sich hin. Frühstück mit letzten Resten Mandarinenmarmelade. Salted Caramel Brownies mit Cashews und Macadamia – ja, das ist genau so wundervoll wie es klingt. Regenwetterbeschäftigung: Jahreszeitentischbefilzung, auf den Fisch folgten noch ein Seepferdchen und ein Seestern – genauestens mit dem Meer-Sachbuch abgeglichen, versteht sich. Regenpause = Raus an die schwüle Luft. Wäsche aufhängen. Eier in die Pfanne hauen, Israeli Style: Shakshuka. Die Jacke hat etwas Vollendungshemmung, immer noch ein halber Ärmel – das geht so nicht, die muss mit in den Urlaub!

Me made Mittwoch: Vintage-Bluse

Gestern trug ich meine nagelneue und schon sehr geliebte Bluse:

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Es handelt sich um ein Modell aus der Vintage-Knip (4/2016). Das Titelmodell. Ich tue mich ja mit Blusen im allgemeinen schwer. Ich mag das Gewurschtel im Bund nicht, aber auch nicht, wenn sie drüber hängen. Hemdkrägen stehen mir sowieso nicht so und schnell finde ich die Optik zu bieder für mich. Ich fühle mich in Blusen auch immer direkt so eingesperrt und wenig wie ich selbst. Gleichzeitig würde ich wirklich gern auch mal andere Oberteile als schnöde Shirts tragen und suche deshalb schon lang nach zu mir passenden Blusenschnitten. Dieser sprang mir vor allem ins Auge, weil die Abnäherlösung dem Anna Dress ähnelt – und das ist ja bekanntermaßen einer meiner Alltimefavorites (die 4 Annas in meinem Schrank winken enthusiastisch an dieser Stelle). So ging ich beim gemeinsamen Stoffmarktbesuch im Mai mit Birgit, Freundin J. und Minimensch auf die Suche nach einem weich fallenden Blusenstoff und fand diesen hier, der wirklich wunderhübsch ist:

wp-1468383894320.jpgEs handelt sich um sehr schöne weiche Viskose, fällt toll, näht und vor allem schneidet sich eher bescheiden, wie Viskose halt so ist – zickig. Recht schnell begab ich mich auch daran den Schnitt zu kopieren. Dabei verzichtete ich sofort auf die Schluppe, da weiß ich direkt, dass so Gebammsel am Hals mich wahnsinnig macht und pauste stattdessen den Stehkragen einer Kaufbluse ab. Da ich sehr unsicher war, wie die weite Form mir gefällt, aber auch sehr sicher war, dass ich in dem dünnen Stoff nicht allzu viel würde trennen wollen, heftete ich die Teile erstmal zusammen ohne die Abnäher vorn und hinten zu nähen und steckte dann die zugesteppten Falten vorn direkt am Spiegel an die richtige Stelle. Sie sind bei mir deutlich weiter innen und etwas höher als im Schnitt vorgesehen. Hinten ließ ich mir von Freundin L. als sie eh gerade mal zur Stelle war normale Abnäher stecken, weil mir klar war, dass mir viel weite im Rücken garantiert nicht gefallen würde. Dann nähte ich das ganze ohne weitere Änderungen zusammen.

Das Foto von hinten ist leider nichts geworden, von der Seite sieht man aber, dass ich die Form hinten nicht so weit und blusig habe, wie der Schnitt es vorsieht, sondern eher klassisch – dennoch ist der Rücken nicht körpernah angepasst sondern immernoch locker.

Ich mag das Ergebnis sehr. Einige kleinere Probleme könnten für die nächste Version noch behoben werden: Den Halsausschnitt würde ich eine Spur mehr einhalten und somit den Kragen ein klein wenig kürzen, der steht nämlich etwas auf weil er eine Spur zu lang ist bzw mit zu wenig Spannung angenäht. Das eine Armloch ist weiter als das andere – das ist vermutlich beim Annähen des Schrägbandes passiert, der Viskosestoff verzieht sich einfach zu schnell, da würde ich nächstes Mal vorher eine Stütznaht setzen. Die Knopfleiste ist suboptimal geworden, zum allerersten Mal hat die Knopflochautomatik einen Stoff nicht gemocht und hat Stiche ausgelassen oder nicht transportiert, ich habe die Knopflöcher daher von Hand korrigiert und jetzt sehen sie insgesamt nicht ganz gut aus und sind z.T. auch einfach zu groß geraten. Ich würde vermutlich nächstes Mal beide Teile der Knopflochleistenseite, nicht nur den Beleg, mit Einlage versehen und hoffen, dass es dann besser klappt. Ich habe in der vorderen Mitte beidseitig 1,5cm zugegeben, da hätte 1cm vermutlich gereicht, das war es aber an Größenkorrektur auch schon.

Die Bluse passt gar wunderbar zu meinem burgundfarbenen Faltenrock und das erfreut mich zusätzlich, denn der hat sonst nur schwarze und graue Partner. Solang es kühl war, trug ich dazu noch eine petrolfarbene Strickjacke und das ist dann aber wirklich schon sehr bunt für meine sonst eher monochromen Verhältnisse…

Die Bluse hat im Heft noch eine langärmelige Schwester und das sind doch gute Aussichten für den Herbst. Jetzt muss ich dann nur mal ein Auge auf die bisher meist geschmähten anstrengenden Viskosestoffe haben… und was sehe ich da auf den Fotos der MMM-Crew am heutigen MeMadeMittwoch: Stoff mit SCHUHEN! Schade, dass ich in nächster Zeit wohl nicht nach Berlin komme, um ihn zu kaufen…

 

 

We are all doomed… Was Ökonomen über die Folgen des Brexit wissen (3)

Vorgestern schloss ich mit der Bemerkung, dass wir wenig über die Folgen eines Austritts sagen können, weil wir die Rahmenbedingungen nicht kennen. Was wir schon wissen, ist das was derzeit schon an Effekten aufgetreten ist, bzw. sich abzeichnet. Eine ganze Reihe von Dingen ist nämlich direkt passiert und wird sich, je länger die Unsicherheit über das genaue Wann und Wie des Austritts anhält eher noch verschärfen.

Abwertung

Das Pfund steht derzeit so niedrig wie seit der Finanzkrise nicht und hatte die schärfste Abwertung seit 30 Jahren, also seit der Pfundkrise, die durch eine spekulative Attacke ausgelöst wurde. Dass eine Abwertung eintreten würde war absehbar. Bereits jeder Punktgewinn der Brexit-Befürworter in den Umfragen vor dem Referendum hatte sich in einer Abwertung niedergeschlagen. In der Abwertung spiegelt sich ein großes Misstrauen bzgl. der zukünftigen Rolle des UK als wichtiger Finanzplatz und der zukünftigen Leistungsfähigkeit der britischen Wirtschaft. Die Abwertung nimmt vorweg, dass die Finanzmärkte damit rechnen, dass die Nachfrage nach Pfund aus Gründen des Handels, der Vermögensanlage oder der Investitionsnachfrage in Zukunft deutlich geringer sein wird als bisher. Damit ist die Abwertung per se besorgniserregend. Sie hat allerdings auch positive Effekte, und auch diese wurden von den Pro-Brexitern im Vorfeld als Argument vorgebracht. Ein schwaches Pfund macht britische Exporte billiger und moderiert damit ein Stück weit den Effekt, den ein Importzoll haben könnte. Zudem könnte das potenziell auch die Verlagerung der Exporte in Richtung Nicht-EU weiter ankurbeln. Aber natürlich gibt es eine Kehrseite. Die britischen Importe werden nämlich gleichzeitig teurer. Und während die Exporte vermutlich schon auf die Preissenkung durch Mengenerhöhung reagieren werden, sind die Importe der meisten Industrieländer relativ preisunelastisch, reagieren also nur schwach auf Preisänderungen – weil sie nämlich recht viel Energieimporte enthalten, und diese kaum kurzfristiges Anpassungspotenzial haben. Daher ist damit zu rechnen, dass die Briten für Importe und Reisen sehr viel mehr ausgeben müssen und dass das sich insgesamt negativ auf ihre Leistungsbilanz (also die Differenz zwischen Exporten und Importen) auswirkt, die ohnehin derzeit schon deutlich defizitär ist. Die Abwertung trifft auch die Unternehmen, die ihre Verrechnungspreise basierend auf dem ursprünglichen Kurs festgelegt hatten und nun zu Fehlpreisen Vorprodukte liefern.

ECBExchangeRateGBPvsEUR_11-06-2016_12-07-2016

Entwicklung des Kurses EUR/Pfund im Laufe des letzten Monats. Quelle : EZB

Als das Pfund zuletzt massiv abstürzte, die sog. Pfundkrise, die GB 1992 zum Ausstieg aus dem europäischen Festkurssystem zwang und die durch eine Wette gegen das Pfund ausgelöst wurde, könnte die britisch Wirtschaft letztlich davon profitieren. Dieses Szenario wurde nun auch von der Pro-Brexit-Kampagne heraufbeschworen, allerdings unter Vernachlässigung der Tatsache, dass die Welt sich doch ein wenig weiter gedreht hat.  1992 kam die Abwertung des Pfund einer Kurskorrektur gleich, da das Pfund durch das Festkurssystem latent schon länger überbewertet war, die Aufrechterhaltung des zu hohen Kurses hatte die Bank of England erhebliche Summen gekostet und diese Belastung fiel durch die Abwertung weg. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist aber der Kurs des Pfund nicht fixiert und es gibt eigentlich keinen Korrekturbedarf. Im Gegenteil macht der relativ stabile Kurs des Pfund einen der Vorteile der britischen Finanzwirtschaft als sicherer Hafen aus (ähnlich wie auch die Schweiz). Ferner ist die Produktion in Europa und weltweit heute deutlich vernetzter als vor 25 Jahren und dadurch sind stabile Wechselkurse wichtiger geworden, bzw. eine Absicherung gegen Wechselkursschwankungen. Auch der Konsum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten internationalisiert und eine starke Abwertung führt damit zu erheblich verteuertem Konsum, weil die importierten Anteile des Konsums, allen voran Energie, nicht leicht durch heimische Produktion substituiert werden können. Nichtzuletzt: Eine Abwertung ist nur dann sinnvoll für eine Wirtschaft, wenn sie Investitionen anlockt und die Exporte stimuliert. An beiden Punkten wird es aber zunächst in der Phase der Verhandlung sicher wenig Expansion geben, dafür ist die Lage einfach zu unsicher – so „verpufft“ der Abwertungseffekt.

ECBExchangeRateGBPvsEUR_04-01-1999_12-07-2016

Kurs der Pfund seit Einführung des Euro. Quelle: EZB

(Hinweis zum Link in diesem Abschnitt: George Soros hat die Pfundkrise 1992 ausgelöst und seine Rolle in der aktuellen europäischen Finanzkrise gilt zumindest als umstritten, dennoch schätze ich seine in diesem Kommentar geäußerte Meinung als einigermaßen neutral ein.)

Aktienkurseinbrüche

Auch direkt nach dem Referendum gab es europaweit erhebliche Einbrüche bei den Aktienindizes. Vor allem natürlich bei den britischen Unternehmen aber auch bei allen anderen europäischen Unternehmen, die natürlich mit britischen Unternehmen verbunden sind. Der Einbruch der Aktien ist genau wie der Wechselkurs als Prediktor zu verstehen: es besteht weniger Vertrauen in die Gewinnaussichten der Unternehmen, folglich sinkt auch die Gewinnerwartung für Aktionäre und deshalb verkaufen Anleger ihre Aktien und müssen dabei massiv Verluste einstecken gegenüber dem Wert ihres Portfolios vor dem Referendum.

Die Kurseinbrüche bei Pfund und Aktien treffen übrigens auch alle Staaten, Fondsanbieter, Banken und Zentralbanken, die in Pfund notierte Wertpapiere als Sicherheit halten. Also z.B. die EZB, die meisten europäischen Banken und viele Rentenfonds. Natürlich wurde hiermit gerechnet und entsprechend abgesichert, die Frage ist, ob in ausreichendem Umfang. Hinzu kommt, dass die Marktmacht großer Fonds-Investoren (aka Heuschrecken) erheblich zugenommen hat und diese aus den Einbrüchen Gewinne abschöpfen werden – was gleichzeitig die Marktmechanismen eher verschärft und die Volatilität der Kurse befeuert.

Investitionsflüsse

Bereits Stunden nach dem Referendum kündigten große amerikanische Banken wie Morgan Stanley an, ihr Europageschäft auf den Kontinent zu verlagern. Sie mieteten bereits am Samstag nach dem Votum Gebäudekomplexe in Madrid und Frankfurt an. Auch das hatte sich bereits vorher angedeutet. Viele Investoren im Finanzsektor hatten für den Fall eines Leave-Votums solche Schritte angekündigt. Insbesondere die Finanzindustrie kann schnell agieren. Für die City of London wird hierdurch mit einem deutlichen Einbruch der Immobilienpreise gerechnet. Andere Branchen sind zwar nicht ganz so schnell, dennoch ist damit zu rechnen, dass kommende Investitionsentscheidungen auch in der Automobil-, Luftfahrt und Strombranche zu Ungunsten  britischer Standorte ausfallen. Auch deshalb weil Forschung bspw. im Pharmabereich bisher EU-gefördert in britischen Unternehmen stattfand und hiermit zunächst nicht mehr gerechnet werden kann. Auch andere indirekte Effekte werden hier zum tragen kommen. So steht z.b. die Zukunft eines neu errichteten Atomkraftwerks nun in den Sternen, das sich nicht mehr rechnen wird, wenn Großbritannien vom EU-Stromhandel ausgeschlossen ist.

Dieser absehbare geringere Investitionsfluss wirkt sich schon jetzt auf negativ auf britische Immobilien- und Rentenfonds aus.

Ein geringerer Zufluss an Investorenkapital ist vor allem deshalb bedenklich weil Großbritannien ohnehin ein Defizit im Handel aufweist, dessen Gegenposten die Kapitalzuflüsse sind. Würden die Kapitalzuflüsse reduziert, müssten die Briten ihren Export steigern oder ihre Importe reduzieren.

Die Brexit- Befürworter wollen diese Investitionsschwäche mit drastisch gesenkten Unternehmenssteuern bekämpfen. Jedoch hat Großbritannien im EU-Schnitt ohnehin schon geringe Unternehmenssteuern und steht hier in direkter Konkurrenz zu Irland, die ebenfalls gut ausgebildete, englischsprachige Arbeitskräfte haben und zudem aber EU-Mitglied sind und bleiben. Nicht zu verachten ist auch, dass dem britischen Staat hierdurch Einnahmen entgingen, die er dann durch Erhöhung anderer Steuern ersetzen müsste. Ich denke, es ist hier maßgeblich entscheidend welche Regierung nach der Neuwahl über diese Maßnahmen zu entscheiden hat, es ist aber durchaus denkbar, dass solche Steuerausfälle über eher Arbeitnehmer-belastende Steuern wie die Mehrwertsteuer abgefangen werden.

Darüberhinaus wird mit nachhaltigen Veränderungen im Handel (Umfang und Handelsmuster), in der Beschäftigung, dem Staatshaushalt und der Landwirtschaft zu rechnen sein. Diese Effekte treten aber eher mittel- bis langfristig auf und sollen daher in der nächsten Folge zusammen mit einer Abschätzung der ökonomischen Gesamteffekte thematisiert werden.