Me made Mittwoch: Das Murkskleid Nr. 2

Es ist passend zum erheblich sommerlichen Wetter fertig zusammengepfuscht: Das Murkskleid. Als gestern abend Kollege J.(!) zum Nähen(!) bei mir war, nähte ich die letzten fixierenden Hand-Pfusch-Stiche an diesem durch und durch gepfuschten Kleid.
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Den Schnitt McCalls6503 habe ich insbesondere bei Frau Rothedinges Weihnachtskleid bewundert und auch andere gelungene Modelle fanden sich im Netz, weswegen ich ihn mir von Lotti auslieh, dann erstmal ein halbes Jahr verklüngelte und nach dem Umzug wieder ausgrub und dann endlich zum erwarteten Sommer anging. Glücklicherweise wählte ich einen Stoff, den ich zwar schön finde, der aber mal Beifang bei einer stoffkontor.eu-Bestellung war und von dem ich daher a) über 2m hatte und b) keine besondere emotionale Bindung. Denn nunja – perfekt ist anders, sag ich mal.
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Ich maß die Vorderteile in Gr.10 (entsprechend der Maßtabelle meine Größe) aus, verglich sie mit meinem Grundschnitt und machte Bedarf für ein FBA aus. Dieses machte ich dann gemäß der Burda-Anleitung. Aus purer Faulheit, weil ich nach der von mir sonst präferierten Methode nach Fit for real people erst meine Pinterest-Boards hätte durchsuchen müssen, das Burda-Buch hingegen in meinem Regal steht. Dies war der erste Fehler. Ich gab außerdem zuviel zu, da ich vergaß, die angesetzte Knopfleiste mitzuberechnen. Zweiter Fehler. Vollkommen Schnitt-Anpassungs-Theorie-konform änderte ich nicht nur die Weite sondern auch die Länge. Dritter Fehler. Das Rückteil maß ich nicht. Vierter Fehler. Dafür gab ich auch am Taillenband Weite zu. Fünfter Fehler. I had it coming, right?

Dann nähte ich fröhlich bei einem Nähkränzchen mit Freundin L. das Oberteil zusammen und … war entsetzt. Ich steckte in einem Sack und der Kragen passte außerdem überhaupt nicht an den Halsausschnitt, das ist – glaube ich – auf die Burda-Methode zurückzuführen, die auch über der Brust Weite zugibt. Ich nahm dann erstmal pauschal Weite raus indem ich an der Knopfleiste was wegnahm. Sechster Fehler. Danach war es um die Brust knapp und sonst immernoch überall zu weit. Oder wie Frifris sagte: “unter meiner Brust hätte eine kleine Mäusefamilie einziehen können.”

Da mir die Rockform mit den kleinen Falten recht gut gefiel und ich einfach UNBEDINGT ein Kleid mit Stehkragen haben wollte, beschloss ich, es noch einmal zu ändern. Erst erwog ich einfach die Kräusel in zugesteppte Falten a la Anna-Dress umzuwandeln. Aber ich will ja auch nicht nur noch Anna Dresses haben (obwohl ? Vielleicht doch…) es wäre dann ja immernoch um die Brust zu eng gewesen. Eine Bildsuche brachte mich zur Variante von Anja Rieger (toll!), die mich vermuten ließ, ich müsse das Oberteil kürzen, was Cat mir via twitter bestätigte. So schnitt ich aus dem großen Rest des Stoffes dann zwei neue Oberteile zu, denen ich nur minimal mehr Weite um die Brust, keine Mehrweite über der Brust und keine Mehrlänge verpasste und nähte diese in das halb sezierte Kleid ein, den Kragen, das vordere Taillenband und die Knopfleisten schnitt ich ebenfalls neu zu, unter der Brust legte ich Falten statt Kräusel. Nun ist das Kleid tragbar, wenn es auch sicher nicht perfekt ist.
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Die Balance stimmt nicht, das hintere Oberteil ist nun optisch zu lang im Verhältnis zum vorderen, weil die Brust vorn nach oben zieht. Außerdem ist das Rückteil auch zu weit. Es gibt aufgrund des Teil-Austauschs beim Oberteil außerdem einen Versatz an den Nähten. Der Stehkragen springt, ich denke weil die Brust daran zieht, zu weit auf, ich hatte ihn mir anliegender gewünscht. Auch sitzt es nun um die Brust und darunter ok, ich finde es aber dennoch nicht vorteilhaft, ich glaube blusige Oberteile sind einfach nix für mich.
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Mein Fazit: Ich finde den Schnitt für mich schwierig, ohnehin bin ich insgesamt selten zufrieden mit Hemdblusenkleidern. Ich würde beim nächsten Mal das Taillenband vorn verbreitern oder das Rückteil kürzen, aber ich bin nicht sicher, ob ich das Kleid nochmal nähe. Vielleicht bastel ich mir einfach einen Stehkragen an einen anderen Schnitt. Und jetzt näh ich erstmal ein paar Kleider aus der Knip oder von Indie-Herstellern. Zur Erholung.
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Dazu trage ich, mangels akzeptabler Sandalen, meine Erdbeerschuhe. Sind sie nicht absolut großartig? Von innen haben sie Kirschen. Kann man diese Schuhe nicht mögen? Also ich liebe sie. image

Monika zeigt heute beim MMM das von mir sehr geliebte Anna-Dress. In der V-Kragenvariante. Ich will sofort auch eine.

Sonntagssachen #4/2015

Hups. Sonntagsbilder fast vergessen.

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Relativ früh aufgeweckt worden, erstmal noch ein bisschen im Kinderbett chillen. Dann aber aufgerappelt und eine halbe Trilliarde Profiteroles mit zweierlei Creme gefüllt und in alle verfügbaren Transportboxen verpackt. Leider bringt Küchenaktivität ja leider immer Spülen mit sich. Heute getauschte Frühstückstasks: der Mann holte Brötchen, ich kochte Kaffee. Der Mininensch hat derzeit eine Klammerphase, viel Kuschelzeit also. Die Ernte vom Samstag auf dem Balkon sitzend verlesen und zu Marmelade verarbeitet. Dann einen Berg Spielzeug und die Profiteroles eingepackt und zu einen Geburtstag gefahren. Mit netten Menschen unterhalten. Zur Schlafenszeit zurück. Für die Eltern nur ein noch spätes schnelles Abendessen mit Guacamole, Käse und Brot auf dem Balkon. Zwischendurch kontinuierlich den Stand beim Stoffwechsel gecheckt und Stoffvorstellungen gestöbert.

Stoffwechsel III : Mein Stoff

Ich habe meinen Stoff schon seit einigen Wochen. Er kam per Einschreiben und ich witterte sofort, dass es sich um das Stoffwechselpaket handeln müsse, denn ich war gleichzeitig Absender und Empfänger der Sendung… drin im unscheinbaren braunen Umschlag war ein wirklich sehr sehr hübsch anzusehender, sehr lieber und ausführlicher Brief und ein sehr sehr schöner Baumwollstoff:P1060439

Ist er nicht traumhaft? Und sowas von zu mir passend. Da besteht gar kein Zweifel. Nix mit Herausforderung, Abenteuer oder Fremdeln. Mehr so mitten 100% drin in der Comfortzone. Das kann mir nur recht sein. Es ist ja nun nicht so, dass türkis-rot-kleingemusterte Stoffe von bestechender Qualität auf Bäumen wachsen, nicht wahr?

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Hier nochmal eine Nahaufnahme des Musters. Der Türkiston ist ein sehr satt-hellblau-türkis, die Farbe rangiert wohl auch manchmal unter “Aqua”, sehr sommerlich, finde ich. die Ornamente sind rot und lachsfarben. Während lachsfarben nun nicht meine Farbe ist, finde ich die Kombi sehr sehr hübsch. Da passen ganz viele meiner Sachen dazu, ich besitze mehrere Paare Ohrringe, Schuhe und Leggins, die ich sofort mit dem Stoff kombinieren könnte.

Meine Stoffpatin wünscht sich ein Kleid. Und das werde ich ganz sicher machen. Allerdings wahrscheinlich nicht, den von ihr präferierten Butterick 6018. Zwar sehe ich den sofort aus dem Stoff, aber meine jüngste Misserfolgsserie mit Schnitten der amerikanischen Big4 lässt mich zögerlich sein, den schönen Stoff dafür zu nehmen. Ich möchte den Stoff auf jeden Fall mit roter Paspel kombinieren und habe deshalb überlegt, dass ich eine weitere Variante des Frau-Kirsche-Kleid nähen werde. Einerseits bietet sich der Schnitt an für ein Paspelkleid und andererseits mag ich ihn einfach auch wahnsinnig gern. Mein erstes grau-pinkes Kirschenkleid hat schon vor längerem das Zeitliche gesegnet und auch das afrikanisch-rote wird derart in heavy rotation getragen, dass es schon ein wenig gelitten hat. Das zeigt deutlich, dass ich ein weiteres brauche, oder nicht?

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Ganz evtl. nähe ich aber auch ein Cambie-Dress. Das ist auch super für Paspeln geeignet und ich will schon ewig eines haben. Außerdem habe ich mit sewaholic-Schnitten bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Ich habe gerade schon einen anderen Stoff für Cambie rausgelegt, und falls das gut wird, könnte ich mir auch ein zweites davon aus dem Stoff vorstellen. Allerdings muss ich auch mal auf den Stoffverbrauch schauen, ich will ja auch möglichst den ganzen Stoff verwenden und ich glaub es ist genug für lange Ärmeln und halben Teller.

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Und von wem kommt nun der Stoff? Die anonyme Stoffpatin sagt, sie sei eine langjährige Leserin meines Blogs. Ich habe da so 1-2 Vermutungen, aber bin nicht ganz sicher. Frau Schildkröte vielleicht?

Stoffwechsel III – Die Stoffvorstellung

Zack bumm, tadaa! Kaum einmal geblinzelt und schon sind sechs Wochen Stoffbesorgungszeit verflogen und es ist an der Zeit, dass wir uns wieder in trauter Stoff-Süchtigen-Runde versammeln und unsere neu gewonnenen Schätze zeigen. Dieses Mal kam uns an der einen oder anderen Stelle der Poststreik etwas in die Quere und so sind leider einige Pakete noch nicht bei ihrem Bestimmungsort eingetroffen und ein paar von uns sind noch ohne Stoff. Wir hoffen, dass sich schon bald alle Stöffchen einfinden und lassen das Link-Tool falls nötig entsprechend offen, bis alle ihren Stoff bekommen, fotografiert und beschrieben haben.

Heute wollen wir nun also unser Paket herzeigen. Stolz präsentieren, was wir bekommen haben. Unsere Gedanken und Pläne dazu in die Runde werfen. Und vielleicht auch ins Blaue hinein raten und wild spekulieren von wem denn nun welches Stoffpaket war – aber bitte noch nicht auflösen, da erhalten wir noch die Spannung…

Seid ihr vollkommen zufrieden mit eurem Stoff? Mitten rein in die Comfort Zone und schon tausend Ideen im Kopf? Oder ist der Stoff doch eher eine Herausforderung? Etwas – für euch – außergewöhnliches? Fremdelt ihr noch? Seid ihr gar mit eurem Stoff so gar nicht zufrieden, oder euch fällt einfach nicht ein, was ihr daraus machen könntet? Immer her mit euren Stoffgedanken und -gefühlen. Wir sind gespannt und öffnen hiermit den Vorhang für eure Stoffe:

 

(Linkup offen bis mindestens 4.7., 12 Uhr)

Me made Mittwoch: Murkskleid No 1

Hallo ihr Lieben! Ein schöner Gruß aus Melbourne.
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Während ihr alle noch seelig schlaft, arbeite ich hier schon fleißig bzw. bemühe ich mich, in Vorträgen nicht einzuschlafen. Gestern angekommen bin ich noch ein wenig gejetlagged. Nachdem man in Deutschland ja vor ca. 2 Wochen die Stiefeletten erstmals im Schrank lassen konnte, bin ich nun wieder im gewohnten deutschen Frühlingherbstwetter also bei ca. 12 Grad und Wolken. Deshalb habe ich mich in den Hintern getreten ein schon länger fast fertiges, eher wenig perfektes Kleid fertigzunähen, das ich eigentlich bis Herbst in der Ufo-Kiste ignorieren wollte. Twitterern ist dieses Kleid als das Murkskleid Nummer 1 bekannt und es ist Teil meiner “Big4-Failure-Reihe”. Es handelt sich um das 100fach geliebte Lemming- oder Tinakleid, B5061. Das Kleid ist aus einer wunderwundervollen Viskose-Woll-Feingabardine von alfatex in einem traumhaften dunkellila (das auf Fotos Dreckbraun aussieht.) Den Stoff streichelte ich nun über ein Jahr, den Schnitt bewunderte ich auch schon ewig. Zugeschnitten hatte ich noch vor dem Umzug, genäht kurz danach. Und nunja. Dann war es doof und bedarf eigentlich einiger Änderungen, weswegen ich es kurz vor dem Säumen einfach weglegte und ein weiteres Murkskleid begann (selbst schuld. Karma. I know.)
Nun. jetzt hab ich es gesäumt und in den Koffer gepackt. Der Stoff ist angenehm knitterarm, ideal für Reisebekleidung und die langen Ärmel sind kuschelig um vor dummer Klimaanlagenluft zu schützen.
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Die Fotos aus dem Hotelzimmer sind leider katastrophal beleuchtet und draußen Fotos machen hab ich nicht geschafft, denn wir waren evtl ein wenig spät dran (lies: “hatten die Begrüßung bereits verpasst und wussten nicht wohin wir müssen”)
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Nun. Was ist nun Murks an dem Kleid?

Es ist über der Brust und unter der Brust, im Rücken und um die Taille zu weit. Die Taille sitzt nicht ganz richtig. Der Rock ist nur knapp lang genug, weil ich nur einen Rollsaum gemacht hab. Und wenn ich die Arme hebe, rutscht das gesamte Kleid bis zu den Ohrläppchen hoch. Kurz: nicht mein Schnitt. Ich müsste eine kleinere Größe wählen, ein FBA machen. Dann wäre aber immer noch die Kräuselung über- und unter der Brust nicht ideal für meine Figur. Ich bin inzwischen sicher, dass Schnitt mit Kräuselungen einfach nicht so gut für mich sind, oder vielleicht fehlt mir nur die Fähigkeit, sie ordentlich umzusetzen. Ich bin da etwas frustriert.
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Aber mit Gürtel und einem weniger perfektionistischen Blick, ist es ein akzeptables Konferenz-Kleid, dee Stoff trägt sich geradezu traumhaft, ich hätte den ganzen Ballen aufkaufen sollen, und ich werde es wohl doch nochmal auftrennen und die Taille anpassen. Und dann bügele ich auch den Saum *räusper*. Im Herbst dann.

Viel sommerlichere Kleidung gibt es (in ein paar Stunden) beim Me made Mittwoch zu sehen. Ich winke aus der Ferne!

Me made Mittwoch: Probebluse

Meine Näherei der letzten Wochen war von vielen Hochs und Tiefs geprägt. Ich habe am Wochenende bereits das zweite mehr als bescheiden sitzende Kleid in wenigen Wochen genäht. Als ich so darüber nachdachte, wurde mir ein Muster klar: ich passe besser in Indieschnitte. Natürlich nicht in alle. Aber in die ausgewählter Hersteller, die scheinbar meine Figurspezialitäten besser abdecken als die Big 4. Das stimmt nicht ganz, denn Simplicity passt mir auch meist ganz gut. Bei Butterick und McCalls aber überwiegen die Misserfolge. Demgegenüber das Anna Dress von vorletzte Woche – fast Änderungsfrei. Die Bluse, die ich heute trage – mit kleinen Änderungen passend.
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Es handelt sich um die Alma Blouse von sewaholic patterns. Ich habe diese Probebluse beim Nähkränzchen mit Frau Pepita und Lotti genäht und sehe eine Serie von Blusen vor mir. Ich habe Größe 10 genäht und lediglich den Brustpunkt verschoben. Wobei mit dem BH, den ich heute trage sitzt er immer noch zu hoch. Ich werde bei künftigen Modell minimal Weite um die Brust zugeben und die Abnäher etwas kürzen, damit es etwas Toleranz für verschiedene BHs gibt. Dafür könnte um die Taille noch etwas weg. Ansonsten fand ich die Flügelärmel etwas sehr flügelig und habe die Mehrweite auf Rat der anwesenden reizenden Nähnerds mit Wäschegummi gebändigt. Das ist perfekt.
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Der Stoff ist suboptimal. Ich habe letztes Jahr recht lang nach leicht dehnbaren leichtem Blusenstoff gesucht und dabei einige Fehlkäufe getätigt. Dieser war laut Beschreibung petrol, ist de facto aber dunkelgrün, matt und angeblich elastisch, de facto aber steif, störrisch und schnell knitternd. Glücklicherweise habe ich mich inzwischen bei fashion for Designers mit super toller weicher Stretchpopeline eingedeckt, einer Serienproduktion steht also nichts im Wege.

Wer jetzt direkt den Lemming in sich hört, dem sei noch warnend mit auf den Weg gegeben: ich habe schmale Schultern und D-Körbchen. Wenn mir etwas mit wenig Anpassung passt, gilt das eher nicht im Mittel.

Beim MMM zeigt Karin heute ein sommerliches Waxprintkleid. Das sieht doch nach sehr viel tollerem Stoff aus, als mein Fehlkauf hier.

Sonntagssachen #3/2015

Ein wundervoller Sonntag, vor lauter erholsam-entspanntem Sonntagsgefühl fast das fotografieren vergessen.

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Der Tag begann moderat früh mit Puppe wickeln. Setzte sich mit sehr vertrödelt spätem Frühstück fort. Es folgte Erdbeermarmelade und entspannt in der Sonne die Nägel passend zum Kleid lackieren. Das schon länger kopierte Cambie Dress ausschneiden. (Hätte jemand eine Kopie der Anleitung für mich?) Proviant schnippeln für den nachmittäglichen Ausflug. Und nähnerdiges Gepäck zusammen suchen. Dann kurze Stressphase mit zu spät zu spät, Quengelkind, hundert Dinge vergessen und noch holen müssen. Autofahrt, Kind pennt, Mann fährt, ich stricke. Bei Nähfreundin aka Patentante des Minimensch eingetroffen erstmal fürstlich Kaffee getrunken, ohne Foto. Ausführlich gequatscht, ohne Foto. Genäht und dabei vollkommenen Murks gemacht. Das Kleid wird nun eine sehr freie Interpretation des Schnittes. Und dann noch Abendessen und das müde zufriedene Kind schlaftrunken zuhause ins Bett verfrachtet. Ein wahrer Sonntag. 

Eltern und Zeit

“Was mir als Unterschied am Elternsein am meisten auffällt ist, dass kinderlose Menschen so unendlich viel Zeit zu haben scheinen.”

Dieser Satz fiel in einem Gespräch vor fast zwei Jahren, da war der Minimensch etwa 4 Monate alt und wir trafen einen guten langjährigen Freund und seinen damals einjährigen Sohn. Unser Freund berichtete vom Alltag mit Kind, dem Wiedereinstieg nach längerer Elternzeit und sagte dabei diesen Satz. Irgendwann letzte Woche fiel er mir wieder ein, und seitdem hat er in meinem Kopf ein paar Kreise gezogen.

Auslöser, mir Gedanken über Zeit zu machen war ein ärgerlicher Zwischenfall auf dem Heimweg von der Arbeit am Mittwoch. Ich war ohnehin deutlich länger im Büro als üblich, weil ich einen Vortrag halten musste. Nach über 10 Std im Büro hielt dann mein Zug auf dem Heimweg an einem Bahnhof unterwegs für über eine halbe Stunde an, weil ein Junkie während der Fahrt gestürzt war, verletzt war und sich weigerte sich behandeln oder auch nur anfassen zu lassen. Während derlei als Bahnpendlerin ja nicht allzu selten passiert und auch früher schon vorkam, so musste ich unweigerlich daran denken, dass nun der Minimensch daheim ins Bett gehen musste, ohne mir “Gute Nacht” zu sagen und dass ich ziemlich froh sein konnte, dass er bei seinem Vater war und nicht bei der Babysitterin, wie an anderen Ganztags-Bürotagen, die womöglich hätte weg müssen.

Bevor ich ein Kind hatte, hätte ich mir vielleicht einfach eine Zeitschrift und was zu essen gekauft und ansonsten gedacht “naja, dann bin ich halt 45 Minuten später zuhause”. Nun erschienen mir diese 45 Minuten als wertvolle Zeit, die mir verloren ging, die ich mit lesen nur verplemperte, die ich so gern zu Hause beim Abendritual und danach mit meinem Mann auf dem Sofa verbracht hätte. Und da fiel mir der einleitende Satz oben wieder ein.

Tatsächlich ist das, was das Elternsein am meisten prägt gar nicht der Schlafmangel (der natürlich da ist), auch nicht das Windelwechseln (das man gar nicht so sehr merkt) oder anderes, was einem im ersten Moment als Eltern-Konstante einfallen würde. Sondern tatsächlich, für mich, der Umgang  mit Zeit. Im positiven wie im negativen Sinne. In ganz unterschiedlichen Facetten.

Das offensichtliche natürlich: es kommt eine quasi 24-Stunden-Beschäftigung dazu und es ist ja nicht so, als hätte man vorher rumgesessen und nix zu tun gehabt, weswegen alle Eltern, die ich kenne, ständig mit Job(s), Kinderzeit, Familienzeit, Verpflichtungen, Haushalt, Job, dem Aufrechterhalten ihres Soziallebens, Zeit zu zweit und – nicht unwichtig – Zeit für sich jonglieren. Nun ist es natürlich so, dass man das irgendwie vorher weiß. Aber es kommt eben nicht nur Zeit hinzu, die man mit dem Kind verbringt, sondern auch – und das plant man vorher doch weniger ein – viel mehr Wäsche, viel öfter staubsaugen, viel mehr aufräumen. Und vor allem und am ärgerlichsten: Viel mehr Termine. Arzttermine, Kindergruppentermine, Kita-Besichtigungen, Elternabende, Elterntreffen, usw. Und sehr viele dieser Termine liegen strategisch höchst unpraktisch mitten am Tag. So gegen 10.30 an einem Wochentag oder so. Und auch da wieder: Man denkt automatisch an die eine Stunde vorher und die eine Stunde nachher, die man doch irgendwie noch sinnvoll nutzen kann/muss/sollte. Könnte man da nicht noch den Einkauf, sollte man nicht auf dem Weg noch die Wäsche, kann man nicht vielleicht dies, das, jenes… ? Eine scheinbar verschenkte Stunde Zeit erscheint eben so verschwendet.

Dann ist die vorhandene Zeit mit Kind auch viel stärker fragmentiert. Tage teilen sich in Zeiten zwischen Mahlzeiten, Zeit vor und nach dem Mittagsschlaf. Wochen erhalten Rhythmus durch feste Termine. Das Jahr ist stärker durch die Jahreszeiten geprägt. Draußenwetter will genutzt sein, Regentage wollen überbrückt sein. Die Schlafenszeit, die Essenszeit alles ist relativ starr. Also zumindest mit Kleinkind. Da verstreichen Tage oft auch sehr schnell, wenn man sie in Miniportionen von Zeit erlebt. Und andererseits dauert manches unendlich. Es ist nur schwer vorstellbar wie langsam ein Kleinkind die Treppe runtergeht. Wieviel Zeit ein Kind fasziniert ein unscheinbares Pflänzchen am Wegrand bestaunen kann. Wie lang die Entscheidung für ein Bilderbuch dauert oder die Diskussion, dass tatsächlich nun die Schuhe angezogen werden müssten, bevor man auf den Spielplatz gehen kann. Die Zeitwahrnehmung ist irgendwie zwischen schnell und langsam im ständigen Wechsel.

Wir ertappen uns auch zunehmend oft bei der stereotypen “Ach ist es schon groß”-Äußerung. Man misst Zeit auf einmal in Kindesentwicklung. “Vor einem Jahr konnte es noch nicht mal laufen.” “oh Gott, guck wie klein das Baby ist, das ist bei uns nun schon sooooo lang her.” “Seit wann kann es denn Wort X sagen?” Und ja, sie werden so schnell groß.

Und plant man, sich mit kinderlosen Freunden zu verabreden, dann bricht die vollkommen unterschiedliche Zeitwahrnehmung so richtig über einen herein. Da trifft dann der eingangs erwähnte Satz das ganze ziemlich im Kern. Denn Sozialkontakte koordinieren ist schwer. Die einen definieren “morgens” doch recht anders als die anderen. Eine Stunde hin oder her macht kinderlosen wenig aus, kann für Eltern aber den Unterschied zwischen entspanntem Treffen mit Kind und Nervenkrieg mit vollkommen übermüdeter Krawallbürste bedeuten. Am Abend bei ein paar Wein die Zeit vergessen rächt sich auf dem Fuße mit tagelanger unendlicher Müdigkeit.

Und dennoch schreibe ich weiter oben “im positiven wie im negativen”. Denn tatsächlich nehme ich Zeit auch als wertvoller war. Ein Tag mit Kind ist lang und oft auch anstrengend, aber doch auch sehr reich und beschenkend. Ich denke oft, dass ich früher eben nicht nur sorglos mit meiner Zeit war, sondern eben auch wertvolle Momente mit meinem Partner, mit Freunden oder meinen Hobbies leichtfertig geopfert habe indem ich eben Wartezeiten auf Bahnhöfen, Rumhängzeit vorm Fernseher oder antriebslose Stunden auf dem Sofa verbracht habe. Es ist eigentlich auch gut, dass ein Kind die Zeit bewusster erleben lässt. Dass ich mich bemühe zum Abendessen zuhause zu sein. Dass ich Zeit mit meinem Mann allein als großes Geschenk empfinde. Dass ich Nähzeit herbeisehne und genieße. Und dass ich gleichzeitig auch in scheinbarer Tatenlosigkeit am Wegesrand, im Sandkasten oder beim kuscheln auf dem Sofa oft wertvolle, anrührende, einzigartige Momente erlebe.

Ein Kind zwingt zum Prioritätensetzen. Man kann nicht alles machen. Nicht gleichzeitig 60 Stunden arbeiten, Zeit mit seinem Kind verbringen, 5 Hobbies, 3 Sportarten, 100 Freunde und 6 Ehrenämter ausüben, eine erfüllte Beziehung leben und eine ordentliche und geputzte Wohnung haben. Ich bin froh, dass ich für mich meist den Eindruck habe, dass ich im großen und ganzen für mich gute Prioritäten setze. Ich arbeite zwar meist etwas mehr als mein Vertrag vorsieht, doch z.B. sehr viel seltener am Wochenende als früher. Ich verbringe recht viel Zeit mit meinem Kind gemessen daran, dass ich auch 60% und oft darüberhinaus arbeite. Ich nähe ziemlich regelmäßig, wenn auch natürlich nie genug. Natürlich gibt es Sachen, die gingen optimaler. Ich habe ein mir eigentlich wertvolles Ehrenamt aufgegeben. Ich treibe zu wenig Sport. Ich würde gern einige Freunde öfter sehen. Unsere Wohnung könnte ganz sicher ordentlicher sein. Aber die Richtung stimmt, ich bin schon mit mir im Reinen. Und manches rüttelt die Zeit zurecht. Nach Phasen schlafloser Nächte, Krankheiten und anderen Widrigkeiten, kommen auch wieder gute Wochen, mit tollem Besuch und Feiertagen und Familienzeit und Nähkränzchen. Ein Tag ohne Mittagsschlaf mit verschobenen ungesunden Mahlzeiten ist am Ende doch ganz problemlos. Ein mit großem Aufwand verbundener Wochenendtrip klappt einfach so und hinterlässt ein Gefühl von Kurzurlaub.

Dennoch bleibt natürlich die tief empfundene Zeit-Knappheit. Und damit einhergehend ein hohes Stresslevel. Und auch da dachte ich vor kurzem an einen Freund, der vor längerer Zeit zu mir sagte:

“Nie mehr erscheint einem Zeit so endlos vorhanden, wie zu Beginn der großen Ferien in der Schule.”

Und tatsächlich ist für mich der Sommer in Kindheits- und Jugenderinnerungen vollkommen zeit-los. Tage sind lang und angefüllt, es ist gefühlt unendlich lang warm, man hat ständig hitzefrei und die Sommerferien sind schier endlose sechs Wochen. Natürlich ist das stark retrospektiv rosa gefärbt aber dennoch – wie schön war dieses Gefühl von Unendlichkeit. Und ich freue mich darauf, das ein kleines Stück weit mit meinem Kind noch einmal erleben zu können. Wenn ich mich nämlich bemühe, to-do-Listen, Erwartungshaltungen, Verpflichtungen und oft selbst gemachten Stress einfach zu vergessen, dann kann ich mit dem Kind ein Stück unendlichen Sommer in einem einzigen warmen Nachmittag entdecken. In einem eigentlich kurzen Fahrradausflug, in einem beiläufigen Spaziergang um den Block, beim Wühlen in der Sandkiste, strickend auf dem Balkon mit dem wasserspielenden Kind neben mir. Indem ich sehe, wie verloren und vergessen mein Kind Sand durch ein Sieb rieseln lässt, immer und immer wieder. Wie es andächtig die Form von Steinen betrachtet und abwägt, welchen es in die Tasche stecken möchte. Wie es voll heiligem Ernst einen vollen Wasserbecher herumträgt – und dann einfach wieder in den Eimer leert. Als gäbe es keine Zeit… ist das nicht schön?

Sonntagssachen #2/2015

Der gestrige Sonntag war ein wenig von großer Lätschigkeit durch das wenig einladende Wetter und großer Müdigkeit geprägt. Also unspektakuläre Bilder von einem eher unspektakulären Sonntag:
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Neuerdings erwacht der Minimensch wieder etwas früher, meist gegen halb sieben. Sehr zum Missfallen beider Eltern und entsprechend antriebslos waren wir dann auch zunächst. Erstmal beim duplobauen assistieren. Langsam aufraffen, anziehen und ab zum Bäcker. Mit Kaffee, Saft und Croissant geht es dann doch schon etwas besser. Während der Minimensch spielte und Herr Siebenhundertsachen Netzwerkdosen anschloss, trennte ich die Näharbeit von Samstagabend wieder auf – Sachen, die keine Kleidung sind, hier ein Schlafsack für den Minimensch, bleiben einfach doof. Reißverschluss schief und krumm, alles nochmal neu. Weil der Minimensch auch einen eher unwilligen Tag hatte, schoben wir eine Einheit im Sand wühlen im improvisierten Sandkistchen vor dem Haus ein. Nach dem Mittagsschlaf musste ich sehr nach Motivation suchen und etwas arbeiten. Eine schon verlängerte Deadline wartet halt nicht. Danach haben wir dann doch beschlossen, das Wetter zu ignorieren und in den Wald zu gehen. Gute Entscheidung. Der Minimensch lief tapfer 1,5 Std. auf unebenem Terrain, nachher waren alle müde und zufriedener. In Vorbereitung des heutigen Krabbelgruppenbesuchs Kindermuffins (Schoko-Banane, fast ohne Zucker) und Rhabarber-Käsekuchen gebacken. Und während des Tatorts den Schnitt des ‘Lotti-Rock’ kopiert – wir dürfen gespannt sein, die Burda und ich.

Sonntagssachen

Seit Beginn der Geschichte dieses Blogs vor nunmehr fast vier Jahren und über 700 Posts habe ich sonntags 7 Bilder von 7 Sachen gemacht, die ich mit meinen Händen gemacht hab. Irgendwann schlief das ganze zusammen mit dem Blog der Initiatorin Frau Liebe ein. Dabei fand ich das eine tolle Art den Sonntag festzuhalten und noch etwas mit in die Woche zu nehmen. Ich habe, so scheint mir, den Sonntag mehr wahrgenommen, mehr auf die kleinen Freuden geachtet. So wie ich insgesamt finde, dass das bloggen über unseren Alltag mich die Kleinigkeiten mehr wahrnehmen und wertschätzen lässt. Also habe ich heute mal wieder Fotos gemacht, versehentlich sogar viel mehr als 7.

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Der Tag begann ziemlich früh mit einem Kind, das versicherte, praktisch sein ganzer Schlafanzug und Schlafsack sei nass. De facto war es ein ca 1 cm großer Fleck am Hals vom Teetrinken. Also waren wir wach. Spielten eine Runde Memory. Während Mann und Kind Brötchen holten, machte ich eine Portion von Lottis wunderbarem Brotaufstrich. Und goss den Balkonsalat. ESC-bedingter Schlafmangel trifft hormonbedingte Unpässlichkeit. Keine gute Kombi – da freue ich mich über die Segnungen der modernen Pharmazeutik. Und einen Mittagsschlaf. Am Nachmittag das Gazellchen bepackt und den stark überfüllten Ruhrradweg geentert. Kleine Rundfahrt mit laaaangem Zwischenstopp auf Zeche Nachtigall und vor allem dem dortigen Wasserspielplatz. Große Begeisterung auf Minimenschseite und strikte Weigerung bei Toresschluss die Schuhe wieder anzuziehen und nach Hause geradelt zu werden. Dabei gab es dort leckeren Salat. Und nun noch ein wenig mit Wein und Strickzeug den Balkon genießen bevor es zu kühl wird. Guter Tag.